Wenn „positives Denken“ die seelische Entwicklung blockiert

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„Du kannst die Wellen nicht anhalten, aber du kannst lernen, auf ihnen zu reiten.“
Jon Kabat-Zinn

„Es hat wohl alles seinen Sinn.“ – „Ich habe vergeben, ich will tylko nach vorne schauen.“ – „Mama und Papa konnten es einfach nicht anders, sie haben ihr Bestes getan.“
Solche Sätze höre ich in meiner Praxis für Hypnose und mentale Begleitung oft. Sie klingen reif und spirituell. Doch häufig verbirgt sich dahinter eine unbewusste Falle, die der Psychologe John Welwood schon in den 80-ern „Spiritual Bypassing“ (spirituelle Umgehung) nannte.

Es ist der Versuch, tiefen emotionalen Schmerz mit Konzepten von „höherem Sinn“, vorschneller Vergebung oder erzwungenem Verständnis zu überdecken. Das bringt zwar kurz Erleichterung – aber Erleichterung ist nicht gleich emotionale Freiheit. Eine verdrängte Emotion verschwindet nicht, sie wechselt nur ihre Sprache: Sie zeigt sich später in plötzlichen Wutausbrüchen, chronischer Anspannung im Körper oder in Beziehungen, die immer gleich scheitern.


Warum wir nicht am Ende anfangen können
Viele Menschen haben heute enorm viel theoretisches Wissen. Sie meditieren, nutzen Affirmationen und üben sich in Achtsamkeit. Doch Welwood betont in seinem Buch „Toward a Psychology of Awakening“: Wir können den Prozess nicht vom falschen Ende aufrollen.

Wir versuchen oft, die Ziellinie zu überqueren, ohne losgelaufen zu sein:

  • Wir zwingen uns, die Eltern zu verstehen („sie konnten nicht anders“), bevor wir als erwachsenes Kind überhaupt anerkennen durften, dass uns damals etwas Wesentliches gefehlt hat.

  • Wir zwingen uns zur Vergebung, bevor wir jemals wütend sein durften.

  • Wir flüchten uns in Dankbarkeit, bevor wir den Verlust der Kindheit, die wir uns gewünscht hätten, betrauert haben.
Welwood räumt auch mit einem großen spirituellen Irrglauben auf und schreibt sinngemäß: „Man muss erst jemand sein, bevor man niemand sein kann.“ Wer versucht, sein Ego aufzulösen oder zu überspringen, bevor es überhaupt gesund entwickelt ist, erzeugt nur neue innere Blockaden.

Der Weg führt über den Körper
Wahre innere Freiheit ist selten so elegant, wie es uns die sozialen Medien suggerieren. Sie ist ein ehrlicher Weg, der laut Welwood untrennbar mit dem Körper verbunden ist. Er spricht vom „Felt Sense“ – dem körperlichen Spüren. Emotionaler Schmerz sitzt nicht im Kopf, sondern als blockierte Energie in unserem Nervensystem und unseren Muskeln.
Deshalb greift reines intellektuelles Nachdenken oder das „Verstehen“ der Eltern oft zu kurz. Genau hier setzt die Hypnose an:
In einer tiefen Trance geht es nicht darum, Probleme wegzudiskutieren oder schönzureden. Es geht darum, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem du die blockierten Emotionen im Körper endlich fühlen, annehmen und fließen lassen kannst.
Wahre innere Stärke beginnt nicht dort, wo wir perfekt über den Dingen stehen. Sie beginnt dort, wo wir aufhören, vor unserer eigenen Verwundbarkeit wegzulaufen.

„Wer nach außen schaut, träumt; wer nach innen schaut, erwacht.“
Carl Jung

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